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Was nun, Deutschland? Eine Neuvermessung der Außen- und Sicherheitspolitik in Krisenzeiten

Am 20. November 2025 lud das AmerikaHaus NRW ins Heine Haus Literaturhaus Düsseldorf für eine Buchvorstellung und Diskussion mit Dr. Christoph von Marschall ein. Von Marschall ist Diplomatischer Korrespondent der Chefredaktion des Tagesspiegel sowie Autor von Der schwarze Dienstag. Warum ein Krieg mit Russland droht und wie die Bundesregierung ihn verhindern kann. Der Gesprächsabend wurde durch die Journalistin Cosima Gill moderiert.

In seinem einleitenden Vortrag argumentierte von Marschall, dass Deutschland und Europa für die gegenwärtige sicherheitspolitische Krisenlage nicht gut aufgestellt seien. Wir hätten lange von der regelbasierten internationalen Ordnung gelebt, doch das funktioniere nun nicht mehr so recht. Sollte Russland einen NATO-Staat angreifen, so seine Warnung, werde das Bündnis innerhalb weniger Tage massiv geschwächt. Der Krieg in der Ukraine verschaffe Deutschland gegenwärtig Zeit, um die militärpolitischen Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte aufzuholen. Zugleich kritisierte er, dass es in Deutschland noch keine „geistige Zeitenwende“ gegeben habe und vielfach an einer Illusion des Friedens festgehalten werde, den es spätestens seit der Annexion der Krim nicht mehr gebe. Allerdings könne Deutschland, so von Marschall, „Krise, wenn es will.“ Im ersten Schritt müsse es dafür einen nüchterneren Blick einnehmen und „die Welt so sehen, wie sie ist, nicht wie sie sein sollte.“

Wir sollten uns zudem häufiger fragen, führte von Marschall weiter aus, ob unser außen- und sicherheitspolitisches Handeln nah genug am europäischen Konsens ist. Außerdem dürfe man nicht übersehen, dass Deutschland selbst zu einem weniger beständigen Akteur geworden sei, wobei er auf innenpolitische Instabilitäten, wie das Scheitern der Ampel-Koalition und die fehlende Mehrheit für Friedrich Merz im ersten Durchgang der Wahl zum Bundeskanzler, verwies. Wenig hilfreich sei zudem eine Haltung moralischer Überlegenheit gegenüber den USA. Statt transatlantische Differenzen öffentlichkeitswirksam zu vertiefen, sollte sich der Fokus stärker auf die vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Kontakte mit den Vereinigten Staaten auf subnationaler Ebene richten. Um eine Führungsrolle einzunehmen, müsse Deutschland die strategischen Ziele anderer Staaten klarer analysieren, eigene Abhängigkeiten reduzieren und zugleich gezielt Gegenabhängigkeiten aufbauen. „Die Zukunft des Westens“, so von Marschall, „liegt im fernen Osten.“

Die Veranstaltung bot dem Publikum die Möglichkeit, die Grundlinien deutscher Außen- und Sicherheitspolitik vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen zu diskutieren. Von der Wehrpflicht, über den Umgang mit Russland bis hin zu den Auswirkungen von Kriegen auf die Klimakrise kamen zahlreiche Themen zur Sprache. Die Gäste zeigten besonders großes Interesse an der Frage, wie eine weitere Eskalation der aktuellen Konflikte in Europa und im Nahen Osten bis hin zu einem globalen Krieg verhindert werden könne. Von Marschall plädierte dabei für eine nachhaltige Abschreckung, die neben militärischer Aufrüstung auch umfassende Ausbildung, etwa im Rahmen einer Wehrpflicht, sowie den Aufbau neuer, belastbarer Allianzen umfasse, um Deutschlands Handlungsfähigkeit zu sichern.

Wir bedanken uns herzlich bei Dr. Christoph von Marschall und Cosima Gill für den hochaktuellen Abend sowie beim Heine Haus Literaturhaus Düsseldorf für die Gastfreundschaft. Die Veranstaltung wurde durch die Landesregierung Nordrhein-Westfalen gefördert.

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