America First, Europe Uncertain: The Next Four Years of Transatlantic Relations
Am 20. Januar 2025, kurz vor der Amtseinführung Donald Trumps, richtete das AmerikaHaus NRW gemeinsam mit dem Aspen Institute Germany, dem Amerikazentrum Hamburg und dem American-German Institute eine virtuelle Diskussion mit dem Titel „America First, Europe Uncertain: The Next Four Years of Transatlantic Relations“ aus. Sechs Expertinnen und Experten teilten ihre Einschätzungen zu den transatlantischen Beziehungen in den nächsten vier Jahren: Peter Rashish, Vice President and Director Geoeconomics Program beim American German Institute; Joshua Meltzer, Senior Fellow im Global Economy and Development Program bei der Brookings Institution; Rachel Rizzo und Ian Brzezinski, beide Senior Fellows beim Atlantic Council; Laura Thornton, Senior Director Global Democracy Programs am McCain Institute for International Leadership; und Maria Skóra, Policy Fellow bei Das Progressive Zentrum. Moderiert wurde die Veranstaltung von Stormy-Annika Mildner, Direktorin des Aspen Institute Germany. Nach einer gemeinsamen Eröffnungsrunde teilten sich die Redner und die 120 Teilnehmenden in drei Breakout-Gruppen auf, um die Themen Handel, Sicherheit und transatlantische Wertegemeinschaft vertiefend zu diskutieren. Der Austausch bot vielschichtige Einblicke in die wirtschaftliche, geopolitische und gesellschaftliche Lage, der sich die USA und Europa mit Beginn der zweiten Trump-Administration gegenübersehen.
Die Stimmung am Tag der Amtseinführung
Einleitend beschrieben die in Washington, DC, ansässigen Experten die Atmosphäre in der Stadt. Auf Seiten der Republikaner sei die Stimmung triumphal, die Anhänger der MAGA-Bewegung fühlten sich ermutigt und ermächtigt und seien in Scharen zur Amtseinführung angereist. Bei den zahlreichen Veranstaltungen sei eine erstaunliche Zusammenkunft von Politik, Tech-Industrie und Prominenz zu beobachten. Auf Seiten der Demokraten habe sich – nach dem großen Schock von 2016 – überwiegend Resignation breitgemacht. Allerdings sei bei denjenigen, die im Bereich Demokratie und Menschenrechte arbeiten, die Angst groß.
Transatlantische Wertegemeinschaft
Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, ob die transatlantische Wertegemeinschaft noch Relevanz besitze. Laura Thornton argumentierte, dass die gemeinsamen Werte auf der Regierungsebene unter einer transaktional ausgerichteten Trump-Regierung in den Hintergrund treten würden, während sie auf Ebene der Zivilgesellschaft weiterhin Unterstützer hätten. Allerdings hätten sich Akteure, die liberal-demokratischen Werten verpflichtet sind, bislang weniger effektiv organisiert als illiberale Netzwerke, die sich gezielt zu erfolgreichen Strategien und Methoden austauschten. Skóra argumentierte auf Grundlage eigener vergleichender Forschung, dass Deutschland und die Vereinigten Staaten vor bemerkenswert ähnlichen Herausforderungen stünden. Die Fragmentierung von Informationsräumen und eine wachsende Anfälligkeit für Manipulation erschwerten den parteiübergreifenden Dialog und brächten illiberalen Parteien wachsenden Zulauf. Die Rednerinnen waren sich einig, dass eine Umkehr dieser Trends ein offensives Vorgehen erfordere. Wichtige Maßnahmen seien die Regulierung digitaler Plattformen und Investitionen in die Zivilgesellschaft, unabhängige Medien und politische Bildung auf lokaler Ebene, wo Demokratiearbeit am wirksamsten sei.
Sicherheit
Rachel Rizzo und Ian Brzezinski prognostizierten, dass Trumps Fokus zu Beginn seiner Amtszeit auf der Innenpolitik liegen werde und dass China das wichtigste außenpolitische Thema sein werde. Ein bedeutender Teil der Republikaner vertrete die Ansicht, dass Europas Abhängigkeit von amerikanischen Sicherheitsgarantien die Handlungsfähigkeit der USA im Indopazifik einschränke. Statt auf Vorgaben aus Washington zu warten, sei es an den europäischen Regierungen selbst konkrete Vorschläge vorzulegen, wie sie mehr Verantwortung übernehmen könnten. Zum Thema Lastenteilung innerhalb der NATO argumentierten beide, dass Verteidigungsausgaben in Höhe von 2% des BIP angesichts der aktuellen Sicherheitslage vermutlich nicht ausreichten. Und mit Blick auf die Ukraine warnten sie, dass Trump die Europäer sehr wahrscheinlich zu konsequenterem Handeln drängen werde, falls sie den Konflikt zwar weiterhin als existenziell bezeichneten, aber keine entsprechenden Maßnahmen ergriffen.
Handel
Joshua Meltzer skizzierte die Wirkung möglicher US-Zölle im Bereich von 10–20%. Peter Rashish beschrieb es als politische Ironie, dass flächendeckende Zölle wahrscheinlich inflationär wirken würden und damit den Erwartungen vieler Wähler widersprächen, die Trump vor allem wegen steigender Lebenshaltungskosten unterstützt hätten. Ein weiterer zentraler Punkt der Diskussion war die mögliche Umlenkung globaler Handelsströme: Hohe US-Zölle auf chinesische Waren könnten diese Exporte nach Europa verschieben und die EU ihrerseits zu Gegenmaßnahmen zwingen. Dies könne zu einer engeren transatlantischen Abstimmung führen – allerdings eher aus ökonomischem Druck als auf Grund von strategischer Planung.
Fazit
Der Austausch bereitete das Publikum auf eine Phase großer Unsicherheit in den transatlantischen Beziehungen vor. Die Experten machten deutlich, dass die Trump-Administration von Europa größere Eigenständigkeit in sicherheitspolitischen Fragen verlangen werde und dass im transatlantischen Handel mit massiver Disruption zu rechnen sei. Klar wurde auch, dass demokratische Werte beiderseits des Atlantiks bedroht sind und es ihrer aktiven Verteidigung bedarf.
Die Veranstaltung fand mit freundlicher Unterstützung der Landesregierung Nordrhein-Westfalen statt. Sie bildete den Abschluss der Road to Election-Reihe, die 35 transatlantische Organisationen seit Januar 2024 gemeinschaftlich ausgerichtet hatten.
Eine Aufzeichnung des gesamten Gesprächs finden Sie hier.
Foto: Aspen Institute Germany
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