»Obamas Hot Sauce« von Michael Werz

01.02.2009

Obama's Inauguration

Schon im Vorfeld seiner Amtseinführung hatte der Enthusiasmus für Barack Obama alle bekannten Dimensionen gesprengt. Als er vor knapp zwei Millionen Menschen zu Füßen des Kapitols am 20. Januar um 12 Uhr mittags den Schwur ablegte, "die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten treu auszuüben", mischte sich in die allgemeine Begeisterung ein Gefühl der Ungläubigkeit. Es war wirklich geschehen, der erste schwarze Präsident der USA, mit einer weißen Mutter, der Vater kenianischer Einwanderer, aufgewachsen in Kansas, Indonesien und Hawaii. Barack Obama symbolisiert mehr als nur einen politischen Neuanfang für den er zwei lange Jahre Wahlkampf geführt hat. In seiner Biographie - nämlich der einer Person ohne Herkunft - spiegeln sich grundlegende kulturelle Veränderungen der amerikansichen Gesellschaft, deren politische Auswirkungen noch gar nicht absehbar sind.

 

Der Epochenbruch

Für Außenstehende ist der Epochenbruch kaum in seiner ganzen Bedeutung nachzufühlen. Er betrifft das ur-amerikanische Dilemma der Sklaverei und Rassendiskriminierung, das die US-Gesellschaft über fast vier Jahrhunderte hinweg geprägt und fast zerrissen hat. Eben deshalb standen im November vergangenen Jahres nicht nur zwei verschiedene politische Agenden bzw. Opponenten zur Wahl. Jeder in Amerika wußte, dass an jenem Dienstag durch den Urnengang Geschichte geschrieben werden konnte. Die Wahl Barack Obamas signalisiert, dass erstmals in der US-Geschichte eine Lösung des amerikanischsten aller Konflikte greifbar ist. Das Ereignis symbolisiert einen Fortschritt für den viele Amerikaner gekämpft, auf den sie gehofft und an den sie doch oft nicht geglaubt haben. Es setzte ein ungeheures Kraftfeld frei, das alle berührt und sich in Worten kaum angemessen beschreiben lässt.

tl_files/articles/aktuelles/newsletter/2009/newsletter-01-02-hotsauce-bottle.gifAus diesem historischen Wärmestrom speist sich auch die zuweilen an Nordkorea oder Kuba erinnernde politische Ikonographie. Barack Obamas Konterfei schmückt längst nicht mehr nur Poster, Puppen und Wandgemälde. Eine von meist lateinamerikanischen Migranten betriebene, legendäre Hamburger-Braterei in Washington, The Rocklands Barbeque and Grilling Company - bekannt für eine unendliche Auswahl an Chilisaucen - hat einen neuen Bestseller: Barack Obama Hot Sauce. Man kann darüber lachen oder sich fragen, woher diese allgegenwärtige Identifikation mit dem Präsidenten kommt. Er ist mehr als er selbst, seine uneindeutige Herkunft erlaubt es allen, ob weiß, schwarz, braun oder gelb sich in seiner Person wiederzuerkennen. Er symbolisiert die demografische Zukunft, in der Amerika schon angekommen ist.

 

Aufbruch ins 21. Jahrhundert mit den Demokraten

Für die demokratische Partei, die die Flügelkämpfe der siebziger, achtziger und neunziger Jahre hinter sich gelassen hat, ermöglicht Obamas Präsidentschaft den politischen und kulturellen Aufbruch in das 21. Jahrhundert. Dagegen drohen die Republikaner trotz ihres gerade gewählten schwarzen Parteivorsitzenden Michael Steele zur Partei des alten Amerika zu werden; überaltert, weiß, ländlich und ohne Führungspersönlichkeiten, die die disparate Basis zusammenführen können. Was die politische Partizipation der schnell wachsenden Minderheiten angeht, sind die Republikaner wieder auf dem Stand von 1964 angekommen - und im neuen Kongress wird kein einziger städtischer Wahlbezirk von ihnen vertreten.

tl_files/articles/aktuelles/newsletter/2009/newsletter-01-02-hotsauce-obama_capitol.gifIn den ersten Amtswochen legte Barack Obama ein enormes Arbeitspensum an den Tag. Fast gleichzeitig schien er auf allen politischen Feldern zu agieren: Er gab sein ertes Fernsehinterview im Weißen Haus an den in Dubai beheimateten Nachrichtenkanal Al Arabiya, betrieb Lobbyarbeit im Kongress bei den Republikanerin (und den Demokraten) für das neue Stimuluspaket, gab einen Warnschuss in Richtung Autoindustrie in Sachen verschärfter CO2-Standards, erließ ein Dekret zur Schließung von Guantanamo und führte ein halbstündiges Telefongespräch mit Angela Merkel, das dem Vernehmen nach sehr freundschaftlich verlief und in dem politische Übereinstimmung zu Klimawechsel, Afghanistan und Nahost verbucht wurde. "America is back in business", war aus der deutsch-amerikanischen Szene in Washington zu hören, Amerika ist wieder da.

Die Beobachtung ist richtig, unklar ist allerdings, ob die USA "da" oder etwa "dort" sind. Aus europäischer Perspektive ist es wahrscheinlich realistischer von "dort" zu sprechen. Denn in Washington spielt Südostasien und insbesondere China eine immer dominantere Rolle. Dass Hillary Clinton bei ihrer ersten Reise als Außenministerin mit der Tradition bricht, und nicht die europäischen Alliierten besucht, ist ein wichtiger Indikator. Die amerikanischen geopolitischen Prioritäten sind dabei, sich immer weiter nach Osten zu verschieben. Militärisch stecken die USA in den Konflikten on Palästina über Syrien, Iran, Irak, Afghanistan bis nach Pakistan fest, ökonomisch und kulturell spielt der Pazifische Raum, zu dem Kontinentaleuropa traditionell schwache Beziehungen unterhält, eine immer entscheidendere Rolle.

Die außenpolitsche Agenda: Obama und Europa unter Druck

Die neue Administration wird eine außenpolitische Neuausrichtung fortsetzen, die bereits unter George Bush und vor dem Irak-Krieg begonnen hat und neue Prioritäten nach dem Ende der Blockkonfrontation etablierte: Im Zentrum stehen die Sicherheitsinteressen in Irak und Afghanistan, der drohende Zerfall Pakistans, die mittelfristige Herausforderung durch die nuklearen Bestrebungen des Iran, die erforderliche strategische Neuausrichtung gegenüber Russland und die Notwendigkeit, belastbare Arbeitsbeziehungen mit China zu etablieren.

Auch weil die USA diese Anforderungen nicht alleine bewältigen können, ist die Erwartungshaltung gegenüber Europa hoch. Den außenpolitischen Experten der Demokraten ist bewusst, dass viele Europäer mit George Bush gar nicht so unzufrieden waren - gab er doch ein innenpolitisch nützliches Feindbild ab und stellte kaum Forderungen. Diese Annehmlichkeiten sind nun vorbei, denn Barack Obamas erste Europareise könnte anlässlich des deutsch-französischen NATO-Gipfels Anfang April statt finden. Bis dahin muss nicht nur die deutsche Regierung die neue Administration davon überzeugen, dass sie im Umgang mit Russland kein Problem sind, sondern ein Verbündeter. Hinzu kommt, dass Barack Obama unter immensem Druck stehen wird, die europäischen Verbündeten zu mehr geopolitischer Verantwortung auf allen Ebenen zu bewegen. Gelingt dies nicht, ist er innenpolitisch geschwächt. Bill Clinton war mit ähnlichen Versprechen angetreten was die Beziehung Amerikas zum Rest der Welt angeht. Als er nach zwei Jahren keine Erfolge vorweisen konnte, wurden den Zwischenwahlen isolationistische Republikaner gleich zu Dutzenden in den Kongress gewählt. Auch aus diesem Grund und im Sinne wohl verstandener Eigeninteressen muss Europa mit diesen Entwicklungen Schritt halten.

Michael Werz ist Senior Transatlantic Fellow des German Marshall Fund of the United States und Visiting Researcher am Institute for the Study of International Migration, Georgetown University, Washington D.C.

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